Bonn Endenich · Station 6

Poppelsdorfer Friedhof

Stationsweg 25, Bonn

Hans Cloos. © Theo Schafgans (1939), Schafgans Archiv
Hans Cloos — Copyright: Theo Schafgans (1939); Bildnachweis: Schafgans Archiv
© Theo Schafgans (1939), Schafgans Archiv

Hans Cloos (*1885 in Magdeburg) wuchs im Saarland und in Köln auf. Nach einem Studium der Geologie unternahm er zahlreiche Forschungsreisen nach Nordamerika, Afrika und Skandinavien. Nach einiger Zeit in der freien Wirtschaft lehrte er an den Universitäten in Breslau und Bonn. Cloos war entschiedener Gegner des Nationalsozialismus und half verfolgten Kollegen bei der Flucht. Nach der Befreiung gehörte Cloos der ersten provisorischen Stadtverwaltung an. Er lehnte es aber ab, Bürgermeister von Bonn zu werden 1951 starb er in Bonn.

Felix Hausdorff machte sich keine Hoffnung mehr – und er sollte Recht behalten. „Auch Endenich ist noch vielleicht das Ende nich“, so lautet eine Zeile aus seinem Abschiedsbrief. Der 1868 in Breslau geborene jüdische Mathematiker war 1921 an die Universität nach Bonn gekommen. Hier lieferte er wesentliche Beiträge zu den mathematischen Fragestellungen seiner Zeit und gilt als Mitbegründer einer mathematischen Teildisziplin, der Topologie.

Insgesamt 40 Jahre lang lehrte Hausdorff an deutschen Universitäten. 1935 wurde er erst nach langen Auseinandersetzungen regulär in den Ruhestand entlassen. In den Novemberpogromen wurde das Haus Felix Hausdorffs und seiner Frau gestürmt und der Mathematiker im Anschluss gedemütigt. Vergeblich bemühte dieser sich wegen der anhaltenden Anfeindungen um ein Forschungsstipendium in den USA. Doch die Flucht gelang nicht.

Im Januar 1942 sollte das Ehepaar in das Ghetto im früheren Kloster in Endenich ziehen. Doch Hausdorff ahnte, dass es nicht der letzte Schritt der Verfolgung sein würde. Gemeinsam mit seiner Frau und ihrer Schwester beging er am 26.01.1942 Suizid. Wenige Monate später wurden die im Ghetto Internierten in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert.

Mit Alfred Kantorowicz musste einer der angesehensten Zahnmediziner aus Deutschland fliehen. Er wurde 1880 in Posen im heutigen Polen in eine jüdische Familie geboren. Nach der Schule studierte er Medizin und Zahnmedizin und arbeitete in Berlin, Bonn und München. Im Ersten Weltkrieg diente Kantorowicz als deutscher Soldat. Danach wurde er Professor in Bonn. Unter seiner Leitung wurde das Institut für Zahnmedizin eines der angesehensten seiner Art. Besonderen Wert legte Kantorowicz auf die Schulzahnmedizin. Dafür ging er an Schulen und behandelte dort auch ärmere Kinder. Politisch engagierte er sich für die SPD und saß ab 1919 im Stadtrat.

In der NS-Zeit wurde Kantorowicz stark angefeindet. 1933 wurde er verhaftet und von der Universität entlassen. Er hatte sich auf Anraten seiner Frau selbst der Polizei gestellt. Diese dachte, ein angesehener Mann wie er sei sicher. Doch Kantorowicz wurde in das KZ Börgermoor gebracht. Als seine Frau das hörte, beging sie einen Suizidversuch. Die Wärter im KZ machten sich vor Kantorowicz darüber lustig. Später kam er in das KZ Lichtenburg in eine Abteilung für prominente Gefangene.

Nach neun Monaten kam er dank der Intervention des Prinzen von Schweden frei. Die Universität Istanbul bot ihm eine Stelle an. Alfred Kantorowicz floh in die Türkei. Dort baute er die Zahnmedizinische Fakultät zu einem angesehenen Institut aus. Er arbeitete für Prominente wie Kemal Atatürk oder den Schah von Persien. Doch auch dort musste er schwere Verluste verkraften. Sein Sohn Erich beging mit 18 Jahren Suizid. Im Mai 1950 kehrte Kantorowicz nach Bonn zurück und ging bis zu seinem Tod 1962 weiter wissenschaftlichen Tätigkeiten in der Zahnmedizin nach.

Otto Renois wurde 1892 im heutigen Polen geboren. Er erlernte das Schreinerhandwerk. Renois kam auf Wanderschaft nach Bonn, wo er Arbeit in einer Möbelfabrik fand.

Er heiratete seine Partnerin Margarete und bekam mit ihr 1927 Sohn Manfred. Sie wohnten in Poppelsdorf, im Jagdweg 45. Nach seiner Entlassung fand er in der Wirtschaftskrise keine Stelle und blieb arbeitssuchend. Am 17.11.1929 gewann die KPD bei der Stadtrats-Wahl drei Sitze. Einer ging an Renois, der 1918 der Partei beigetreten war. Er saß im Wohlfahrts- und im Bauausschuss.

Auch sozial engagierte er sich und war über Parteigrenzen hinweg beliebt. Bei der Kommunalwahl im März 1933 hielt die KPD ihre Sitze, wurde jedoch kurz darauf verboten.

Renois tauchte bei seinem Schwager unter, seine Frau versorgte ihn. Schnell wurde er lokal zu einem der meistgesuchten Kommunisten. Er ließ sich zur Flucht überreden. In seiner Wohnung wollte er packen und sich von seiner Familie verabschieden. Doch die SS verhaftete ihn. Auf der Fahrt wurde Renois erschossen, offiziell hieß es beim Fluchtversuch. Bald besagten Gerüchte, er sei hinterrücks erschossen worden. Im Auto habe ein SS-Mann seinen Hut fortgeworfen und ihn aufgefordert, diesen zu holen. Beim Zurückholen wurde er erschossen. Angebliche Suizide oder Fluchtversuche dienten häufig zur Verschleierung.

Das Begräbnis besuchten viele Menschen aus verschiedenen Parteien. Seine Frau veröffentlichte ein Flugblatt über den Mord und verklagte den SS-Mann vergebens. Als auch Margarete Renois wegen ihrer kommunistischen Überzeugungen verhaftet wurde, bauten die Nationalsozialisten Renois Grabstätte ab. Erst 1940 durfte sie, mithilfe eines befreundeten SA-Sturmführers, das Grab wiederherrichten.

Karl Gutzmer wurde 1924 in Bonn geboren und stieß als 14-jähriger Schüler zu einem Kreis widerständiger Jugendlicher um den Bonner Michael Jovy. Er beteiligte sich an den Aktivitäten der Gruppe und nahm 1938 an einer ihrer Fahrten nach Frankreich teil.

Seinen Eltern gegenüber musste er vieles geheim halten. So brachte er etwa illegale Schriften und Flugblätter gegen den Nationalsozialismus von seiner Reise zurück nach Bonn. Zu dieser Zeit kam er auch in Kontakt mit anderen Widerständigen aus der Region.

Im Zuge von Ermittlungen gegen die Gruppe wurde er festgenommen und im berüchtigten Kölner Gestapo-Gefängnis El-De-Haus verhört. Sein Vater stellte sich auf die Seite der Gestapo. Wegen „bündischer Umtriebe“ erhielt er eine Gefängnisstrafe, zudem wurde er von der Schule verwiesen. Sein Abiturzeugnis erhielt er später nur, weil er sich freiwillig zur Wehrmacht meldete. Bis Kriegsende musste er an der Ostfront dienen. Nach dem Krieg arbeitete er als Buchhändler und machte sich in Bonn vor allem um die christlich-jüdische Verständigung verdient. Er starb im März 2007 in Bonn.

Bilder und Dokumente

Familie Hausdorff — Copyright: [Anonym/Unbekannter Fotograf]; Bildnachweis: Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn, FB 43-3
Alfred Kantorowicz. © Theo Schafgans (1955), Schafgans Archiv
Alfred Kantorowicz — Copyright: Theo Schafgans (1955); Bildnachweis: Schafgans Archiv
© Theo Schafgans (1955), Schafgans Archiv
Otto Renois — Copyright: [Anonym/Unbekannter Fotograf]; Bildnachweis: Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn, SP 188-1-2
Karl Gutzmer mit Jovy-Gruppe im Pfingstlager — Copyright: Gemeinfrei; Bildnachweis: Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn, SG 6-1-8